Broschüre: Argumente, Tipps und Tricks – Sozis an den Frauen*streik

1981 wurde die Gleichstellung in der Bundesverfassung verankert, trotzdem warten wir nach wie vor auf deren Umsetzung. Lohnungleichheit und Diskriminierung in der Arbeitswelt, Benachteiligung bei den Renten, fehlende Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Privatleben, die Hauptverantwortung in der Haus-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit, sowie auch sexuelle und geschlechtsbezogene Gewalt und Belästigung sind nach wie vor Bestandteile der Lebensrealität von Frauen*.
So leben wir auch fast 40 Jahre später weiterhin in patriarchalen Verhältnissen und Sexismus sowie Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität prägen noch immer unseren Alltag.
Diese prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen für Frauen* haben sich durch neoliberale Angriffe auf den Service Public in Form von Leistungskürzungen und Privatisierung von Bereichen der Gesundheitsversorgung und der Sozialen Arbeit massiv verschärft. Frauen* sind in diesen Branchen als Arbeitnehmerinnen* übervertreten und daher von den Folgen dieser Entwicklung besonders betroffen.
Wir haben genug davon und fordern: Schluss mit den patriarchalen Verhältnissen, der strukturellen Diskriminierung und sexistischen Bildern der Frau*!
Darum ruft die Kriso zur Teilnahme am schweizerischen Frauen*streik am 14. Juni 2019 auf.

* Der Gender-Stern ist aus der Kritik am eindimensionalen Frauenbegriff entstanden und soll aufzeigen, dass Geschlecht ein soziales Konstrukt ist. Aus Sicht der Kriso steht der Stern in dieser Broschüre zudem dafür, dass am Frauen*streik alle FINT-Personen willkommen sind (mit der Abkürzung FINT sind Frauen, intergeschlechtliche, nicht binäre und trans Menschen gemeint).


Warum streiken in der Sozialen Arbeit?

  • weil Soziale Arbeit als historischer „Frauen*“- und Care-Beruf immer noch abgewertet wird.
  • weil auch innerhalb der Sozialen Arbeit keine Lohngleichheit herrscht.
  • weil in der Sozialen Arbeit überproportional viele Männer* in Führungspositionen sind.
  • weil in Organisationen der Sozialen Arbeit viele ausgelagerte Tätigkeiten wie Reinigung, Unterhalt oder Gastronomie schlecht entlöhnt werden – diese werden überwiegend von Frauen* geleistet.
  • weil Sozialarbeitende in ihrer täglichen Arbeit ständig mit den Auswirkungen der patriarchalen Gesellschaftsstruktur und sozialer Ungleichheit konfrontiert sind und sehen, dass Frauen* als Klientinnen* zusätzlich belastet sind.
  • weil unser gesellschaftlicher und professioneller Auftrag von uns verlangt, dass wir uns gegen Diskriminierung einsetzen!

Wie sieht bei dir im Betrieb die vermeintliche Gleichstellung aus?

  • Gibt es in deinem Betrieb Lohngleichheit und/oder Lohntransparenz?
  • Wie gross ist der Frauen*anteil in Führungspositionen in deinem Betrieb?
  • Lassen deine Anstellungsbedingungen es zu, Erwerbsarbeit und Familie zu vereinbaren?
  • Wo sind Adressatinnen* bei deiner Arbeit aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt?
  • Hast du das Gefühl, dass du bei Beförderungen benachteiligt wirst, weil du eine Frau* bist?
  • Hast du das Gefühl, dass du in Bewerbungsverfahren privilegiert bist, weil du ein Mann* bist?
  • Hast du bereits sexistische und übergriffige Äusserungen in Form von „Witzen“, „Komplimenten“, Sprüchen oder Kommentaren aufgrund deines Geschlechts zu hören bekommen?

Betriebliche Organisierung von Frauen* ist wichtig

  • weil sie Kräfte und Mut freisetzen kann und Solidarität vermittelt.
  • weil sie Sichtbarkeit schafft und so Druck gegen bestehende Strukturen erzeugt werden kann.

Mach dir vorgängig Gedanken zu:

  • Betrieb: (Hierarchische) Strukturen, Einbettung, Abhängigkeiten, Leitungspersonen, grundsätzliche Haltung gegenüber Thema, bestehendes Vorwissen, Sensibilisierung für feministische Themen
  • Team: Wen spreche ich wann/wie an? (Gruppengrösse, Zusammensetzung, Setting, Zeitpunkt)
  • Welche Forderungen/Ziele haben wir im Betrieb? Wie gehen wir zusammen vor? Zeitliches/methodisches/formelles und/oder informelles Vorgehen

Tipps und Tricks für die Organisierung

Vom Kleinen ins Grosse – an der Basis beginnen und die Anliegen von da weitertragen:

  • Infomaterial/Zeitungsartikel in Teamküche auflegen
  • Informelle Pausengespräche nutzen
  • in Teamsitzung ansprechen
  • T-Shirt/Buttons/ mit Frauen*streik-Aufdruck tragen/verschenken
  • Personalkommission anschreiben/einbeziehen
  • Forderungen+ mit Gespräch oder Brief (unterzeichnet/anonym) bei der Leitung anbringen
  • Betriebsübergreifende Mobilisierung und Unterstützung
  • Bei Widerstand von Vorgesetzten: Sich in der Gruppe unterstützen, Solidarität sichtbar machen, Anonymisierung, Begleitung bei schwierigen Gesprächen. Fragen? Wendet euch an den vpod

+ Forderungen im Betrieb

  • Öffentlichkeitswirksame innerbetriebliche Aktionen zulassen
  • Thematisierung bei Adressat*innen möglich machen
  • Die streikbedingte Abwesenheit wird als Arbeitszeit gutgeschrieben

Tipps und Tricks für Aktionen im Vorfeld

  • Kleine Zeichen im Betrieb setzen (z.B. Flyer auflegen, ein Traktandum zu Geschlechterrollen an der Teamsitzung, wöchentlicher Input zu frauen*spezifischen Themen)
  • Mailsignatur ändern, z.B.: «Am 14. Juni ist nationaler Frauen*streik – wir fordern bedingungslose Gleichstellung der Frau*, auch in der Sozialen Arbeit!»
  • Immer freitags T-Shirt mit Aufdruck / Message tragen / Erkennungszeichen (z.B. rote Kleidung, Symbole des Frauen*streiks)
  • Transparent aufhängen (mit Forderung, Spruch, Message)
  • Betriebs- und bereichsübergreifende Arbeitsplanung für den 14. Juni: Nur Männer* arbeiten, Frauen* bleiben fern
  • Verkürzte Arbeitszeit am Streiktag einfordern: Frauen* haben bis zu 20% weniger Lohn als Männer*. Darum eine mögliche Forderung:  20% der Arbeitszeit am Streiktag angerechnet bekommen, oder den Arbeitstag um 20% verkürzen

Tipps und Tricks für Aktionen am Streiktag

  • Der Arbeit fernbleiben (gefragt/ungefragt)
    • Etwas Symbolisches hinterlassen, um die Personen im Betrieb auf den Frauen*streik aufmerksam zu machen (z.B. Birkenstock auf den Stuhl)
    • Trotzdem in den Betrieb gehen und kleine Aktionen veranstalten (z.B. Buttons verteilen)
    • Zusammen mit Teamkolleginnen* zur Demo gehen (Treffpunkt im Betrieb)
  • Mailbox für Frauen*streiktag besprechen: «Heute ist Frauen*streiktag….»
  • Abwesenheitsmeldung Email einrichten «BIN AM FRAUEN*STREIK».
  • Telefon direkt zu Männern* umleiten (Männer* erklären unsere Abwesenheit mit dem Streik)
  • «Streiken» während dem Dienst (z.B. in der Sozialpädagogik aufs Sofa sitzen, nicht Kochen, Abwaschen, usw.)

Warum müssen Sozis die Adressatinnen* beim Streiken unterstützen?

  • weil die Adressatinnen* Sozialer Arbeit durch unterschiedliche Diskriminierungen und Benachteiligungen in besonderer Weise betroffen sind und diese oft individualisiert erfahren. Der Frauen*streik bietet die Möglichkeit diese Vereinzelung zu überwinden und sich gemeinsam als betroffene Frauen* zu organisieren und gegenseitig zu stärken.
  • weil wir die vom politischen Diskurs ignorierten geschlechtsspezifischen Ursachen und Auswirkungen der sozialen Problemlagen unserer Adressatinnen* kennen und deshalb handeln müssen, damit Frauen* nicht länger in die Defensive gedrängt werden!
  • weil soziale Gerechtigkeit, Empowerment und Partizipation nicht nur leere Worthülsen sein sollen!
  • weil wir die Reichweite haben, um Adressatinnen* über die Gründe und Forderungen des Frauen*streiks zu informieren.
  • weil wir im Rahmen des Frauen*streiks die Gelegenheit haben, den Stimmen der Adressatinnen* Sozialer Arbeit Gehör zu verschaffen, anstatt für sie zu sprechen.

Mach dir vorgängig Gedanken zum Einbezug der Adressat*innen:

  • Wann/wo/wie mache ich auf den Streik aufmerksam? (Einzelberatung? Gruppensettings?)
  • Wann/wo/wie bringe ich frauen*spezifische Themen ein?
  • Gebe ich Infomaterial ab? Kann ich Infomaterial auflegen?
  • Informiere ich über die Rechte der Frau* und das Recht auf Streik?
  • von Fall zu Fall beurteilen
  • Vorsicht, dass keine Konsequenzen auf die Adressat*innen zurückfallen (finanzielle Sanktionen (Kürzungen, Einstelltage), Jobverlust…)
  • Es soll keinesfalls darum gehen, die Adressat*innen zu instrumentalisieren. Ziel ist es, zu sensibilisieren und zu stärken

Tricks für Aktionen mit den Adressat*innen

  • Die Adressat*innen miteinbeziehen & mit ihnen den Tag planen
  • Ein kleines Zeichen setzen (z.B. einen Teil des Essens mit violett einfärben). Bei Nachfrage das Thema Frauen*Streik aufnehmen
  • Einen Themenmonat, eine Aktionswoche, eine Veranstaltung, eine Aktion organisieren – im Vorfeld und/oder am 14. Juni
  • Eine Frau* einladen, die im 1991 dabei war und von diesem Tag erzählt („Living Library“)
  • Gemeinsam mit den Adressat*innen T-Shirts bedrucken
  • Die Themen des Streiks im Alltag ansprechen (z.B. Themen der Adressat*innen aufnehmen & mit geschlechterspezifischer Diskriminierung erklären)
  • Mit den Adressatinnen* an die Demonstration gehen
  • Mädchen* von Schule abmelden bzw. Adressatinnen* den Streik ermöglichen
  • Die Mädchen*/Adressatinnen* zu „Haushaltsstreik“ animieren (begründen)

Und die Rolle der Männer*?

Es ist wichtig, dass Männer* der Sozialen Arbeit Sozialarbeiterinnen* beim Streik unterstützen:

  • weil geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Rollenbilder und Diskriminierung alle etwas angeht und alle von ihrer Überwindung profitieren.
  • weil Solidarität von Mitarbeitern* und/oder Vätern sichtbar gemacht werden soll.
  • weil Lohntransparenz immer noch ein Tabu ist.

Männer*-Solidarität ist wichtig, auch Männer* können das Thema in den Organisationen ansprechen. Zentral ist jedoch, dass die Inhalte, Forderungen und Anliegen der Frauen* im Vordergrund bleiben. Die beste Unterstützung ist es, die Vorstellungen und Bedürfnisse der Frauen* in Bezug auf den Frauen*streik wahrzunehmen.


Das Forum für kritische Soziale Arbeit (Kriso) beteiligt sich an der Organisation und Mobilisierung für den Streik von Sozialarbeiterinnen* und deren Adressatinnen*. Die Kriso ist offen für alle in der Sozialen Arbeit tätigen Personen und bietet eine Plattform für kritische Debatten über Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit. Dabei werden auch die derzeitig vorherrschenden ökonomischen, patriarchalen und gesellschaftlichen Kontexte in Bezug auf die Soziale Arbeit mitgedacht.
Weitere Infos: www.kriso.ch

Frauen*streik 14. Juni 2019

Informiere dich bei deinem lokalen Frauen*streikkollektiv über geplante Aktionen und Veranstaltungen – mobilisiere alle Frauen* in deinem Umfeld dafür und streikt zusammen! Laut und stark!
Weitere Infos: www.frauenstreik2019.ch

Die Kriso am Frauen*streik

Die Kriso Zürich wird an der Demonstration am 14. Juni mit einem Transparent anwesend sein. Alle Sozialarbeitenden sind herzlich eingeladen mit uns mitzulaufen – nehmt eure Birkenstöcke mit!

Nächste Kriso-Sitzung zum Frauen*streik

14. Mai, 19.00 Uhr, Dienerstrasse 59, 8004 Zürich Gegenseitiger Austausch und Planung von konkreten Aktionen.