Wer heute über Bildungspolitik in Zürich spricht, kommt an der Tagesschule nicht vorbei. Sie wurde in den letzten Jahren flächendeckend durchgesetzt und mit grossen Versprechen verbunden: mehr Chancengerechtigkeit, bessere Vereinbarkeit und ein gemeinsamer «Lebensraum Schule», in dem Bildung und Betreuung zusammengedacht werden. Schon 2022 hat KRISO davor gewarnt, dass dieses pädagogische Versprechen ohne genügend Ressourcen zur Mogelpackung wird. Heute zeigt sich vielerorts: Die Tagesschule ist da – die versprochene pädagogische Einheit nicht.
Betreuung bleibt untergeordnet
Bildung und Betreuung sollten gemeinsam Verantwortung für die Kinder übernehmen. Strukturell wurde diese Gleichstellung aber nie geschaffen: Die Leitung Betreuung ist der Schulleitung unterstellt, ein verbindliches gemeinsames pädagogisches Konzept fehlt und für kontinuierlichen fachlichen Austausch fehlen Zeit und Ressourcen. Wo heute Zusammenarbeit auf Augenhöhe gelingt, hängt sie deshalb oft von einzelnen Schulleitungen und Teams ab. Eine Gleichstellung, die vom guten Willen Einzelner abhängt, ist keine Gleichstellung. Gleichzeitig erleben Betreuende jeden Mittag, was die materielle Seite dieser Reform bedeutet: grosse Gruppen, enge Räume, knappe Betreuungsschlüssel und zu wenig Zeit für Beziehung. Gerade Kinder, die besondere Unterstützung, Ruhe oder eine verlässliche Bezugsperson brauchen, geraten unter diesen Bedingungen schnell aus dem Blick. Aus dem Versprechen ganzheitlicher Pädagogik wird so vielerorts Massenabfertigung. Auch in den Horten war die Arbeit für das Sozialpädagog:innen und Fachpersonen Betreuung anspruchsvoll und belastend. Die Einführung der Tagesschule hat die Arbeit im Betreuungsbereich aber nochmals massgeblich verschlechtert – und die Arbeitslast ist besonder deutlich für FaBes und Schulassistenzen.
Für die Betreuung kämpfen
Jetzt muss um eine wirkliche Tagesschule gekämpft werden: mit Betreuung und Unterricht auf Augenhöhe, verbindlicher gemeinsamer Pädagogik, genügend Personal, geeigneten Räumen und bezahlter Zeit für Zusammenarbeit.Aber da stehen wir nicht alleine. Die Abwertung von Betreuung ist Teil derselben feminisierten Care-Logik, die auch Kitas und andere soziale Bereiche trifft. Im Feministischen Streik 2027 können diese Kämpfe zusammenkommen: gegen die systematische Abwertung unserer Arbeit und für Bedingungen, unter denen gute Bildung und Betreuung überhaupt möglich sind.