Kann Soziale Arbeit grundsätzlich etwas verändern?

Am 15. November 2015 fand im kHaus in Basel anlässlich des 10-jährigen Bestehens der
Kriso Basel eine Tagung statt. An dieser wurde sich thematisch der Frage angenähert, ob
Soziale Arbeit heute ein herrschaftskritisches Potential hat und grundsätzlich etwas an
den Verhältnissen ändern kann.
Bereits das Inputreferat zum Tagungsauftakt stellte die Frage ins Zentrum, ob es nicht ein
Widerspruch sei, anlässlich eines Jubiläums Gesellschaftskritik zu feiern. Denn bestehende
Ordnung zu hinterfragen heisse, kulturelle Deutungen in Frage zu stellen und
Machtstrukturen zu delegitimieren. Wieso gehen wir als Sozialarbeitende davon aus, dass
Soziale Arbeit überhaupt etwas Subversives habe? Oder anders gefragt, würden
Adressat*innen der Sozialen Arbeit ein subversives Potenzial unterstellen? Wohl eher nicht.
Dabei wäre in einer Sozialen Arbeit, die Beziehungen in den Mittelpunkt stellt und an
diesen festhält, durchaus subversives Potential angelegt. Hier sei das Subversive, an den
jeweiligen Orten und Zeitpunkten, wo wir uns bewegen, Emanzipation zu erkennen und zu
erkämpfen. Menschen können ihre Angelegenheiten zusammen klären. Sozialarbeit also als
Arbeit an der Realisierung demokratischer Zustände.
Die Antwort nach dem herrschaftskritischen Potential könne auch in der Theorie gesucht
und gefunden werden. Denn das Subversive sei nicht nur aufs praktische Handeln und
Theorie nicht nur auf etwas Reaktionäres zu beschränken. «Soziale Arbeit ist politisch, weil
sie wissenschaftlich ist.» Dann nämlich, wenn das Verständnis von Wissenschaft als Theorie
der Befreiung gesehen wird und kritische Analysen der Sachlagen bedeuten.
In den Workshops am Nachmittag wurde die Frage nach dem subversiven Potenzial in der
Praxis vertieft. Die Kriso Zürich stellte im Workshop «Extremismus und Radikalisierung»
zur Diskussion, wo Soziale Arbeit zwischen Anpassung, Opportunismus und Verweigerung
steht. Die Kriso Basel zeigte den Teilnehmenden in einem kritischen Stadtrundgang rund
um den Veranstaltungsort auf, wo und mit welcher Argumentation konkret Verdrängung aus
dem öffentlichen Raum stattfindet, wo sich Beispiele für die Anpassung Sozialer Arbeit an
den herrschaftlichen Diskurs finden lassen, aber auch, wo Spielräume für subversives
Potential entstanden sind. Die Termiten aus Innsbruck stellten mit ihrem Workshop
«Narrative angreifen» das tägliche Format des Scheiterns in der Praxis zur Diskussion. Im
Workshop zum Thema «Welche Rolle spielt in der Sozialen Arbeit die unbezahlte Arbeit?
eine feministische Perspektive» warfen wir einen Blick auf die Zahlen zur Care-Arbeit. Dass
mehr als die Hälfte der geleisteten Arbeit in der Schweiz unbezahlt ist, beeindruckt immer
wieder. Gleichzeitig haben wir bemerkt, dass dieser Fakt in der alltäglichen Praxis wie auch
Theorie der Sozialen Arbeit ein weitgehend blinder Fleck ist. So werden beispielsweise
Mütter mit Kindern, die älter als zwölf Monate sind, in gewissen Kantonen nach einem Jahr
bestraft, wenn sie keiner Erwerbstätigkeit nachgehen und erhalten weniger Sozialhilfe. Auch
andere blinde Flecken in unserer Praxis sind uns aufgefallen. So sind bei der Einschätzung
einer Kindeswohlgefährdung ökonomische Faktoren (wie Armut und prekäre
Wohnverhältnisse) oft nicht im Blick. Probleme, welche in den Strukturen liegen, werden
als individuelles Versagen betrachtet. Es wurde diskutiert, dass mit der Anerkennung von
unbezahlter Arbeit die sozialen Ungerechtigkeiten nicht einfach aufgelöst werden würde,
jedoch die Erkennung und Sichtbarmachung von unbezahlter Arbeit bereits zu einem
veränderten Umgang führen würde. Deutlich wurde, dass die Auseinandersetzung mit der
unbezahlten Arbeit subversives Potential hat. So würde beispielsweise der Kapitalismus
implodieren, wenn all die unbezahlte Arbeit, von welcher das kapitalistische System
grundlegend abhängig ist, bezahlt werden müsste.
Am Abschlusspodium wurden die Erkenntnisse aus den Workshops zusammengetragen und
die Frage gestellt, wie wir die aufgeworfenen Themen verbinden und vertiefen können.
Kann Soziale Arbeit etwas verändern? Die Podiumsteilnehmenden waren sich einig, dass es
mehr denn je an der Zeit sei, die Kämpfe in der Sozialen Arbeit zu führen. In Zukunft
werden die Bedingungen nicht einfacher.
Solange es noch Bewegungen Kritischer Sozialer Arbeit gibt, ist auch herrschaftskritisches
Potential vorhanden. Dies zeigt die Bedeutung von Gruppen wie der Kriso, die sich
zusammentun und diese Frage unermüdlich diskutieren. Soziale Arbeit ist Gehilfin
ungerechter Zustände, aber gleichzeitig eine ihre grösste Kritikerinnen. Am Ende der
Tagung fühlten sich viele ermutigt und zuversichtlich. Es bleibt dabei, wir müssen einstehen
für die Solidarität und für Kritik, sei es an Hochschule oder in der Praxis. Und wir müssen
unsere Kämpfe verbinden und Räume suchen, um unseren Energiehaushalt zu stärken. So
stand auch der Abschluss der Tagung im Zeichen des Ausklingens bei gemeinsamen Speis
und Trank.
Erstellt am 3. Januar 2026, Kriso Basel